Vom Schandfleck zum begehrten Wohnquartier

Ehemaliges Gaswerk Hamm / Museumsviertel:

Im Dreieck zwischen Hauptbahnhof, Innenstadt und dem grünen Band der Ringanlagen entstand in Hamm bis 2016 auf einer ehemals hochbelasteten Fläche ein Viertel, das bald nach seiner Bebauung zu einem der begehrtesten Wohnquartiere der 176.000-Einwohner-Stadt an der Lippe avancierte: das Museumsviertel. Dieses Schlüsselprojekt bei der Umgestaltung und Aufwertung der Hammer Innenstadt wurde ermöglicht durch die umfassende Sanierung und das Recycling der Fläche unter Federführung des AAV.

Projektübersicht

Ein echtes Filetgrundstück

lag fast 20 Jahre lang seit Anfang der 1990er-Jahre in der Hammer Innenstadt brach. Schlimmer noch: Das mehr als ein Hektar große Gelände war ein echter Schandfleck inmitten des Gebietes zwischen kulturellem und kommerziellem Zentrum und dem Hauptbahnhof. Eine neue Nutzung war zunächst nicht möglich, da der Boden stark belastet war.

Die Kontamination stammt aus dem vorletzten Jahrhundert:

Die aufstrebende Bergbau- und Industriestadt hatte hier ein Gaswerk errichten lassen, das aus Steinkohle den Brennstoff gewann, der fortan die Straßenlaternen leuchten ließ. Später versorgte das wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen auch die Haushalte der Stadt, die mit der Mischung aus Wasserstoff, Methan, Stickstoff und Kohlenmonoxid ihre Mahlzeiten kochten. Als Nebenprodukt entstand im Gaswerk Koks, der sich ebenfalls nutzen ließ. Mit weiteren Nebenprodukten, die erst später zu begehrten Rohstoffen der chemischen Industrie wurden, ging man nachlässig um. So versickerten Teeröle im Boden, der sich im Laufe der Jahrzehnte mit einer Vielzahl gesundheits- und umweltschädlicher Stoffe anreicherte.

Welche Risiken in der Tiefe lagen,

war lange Zeit nicht bekannt. So wurde die Fläche nach der Schließung des Gaswerks im Jahr 1918 weiterhin genutzt: Im Stadtbad lernten Generationen von Hammern das Schwimmen, nebenan wachte die Feuerwehrleitstelle über die Sicherheit der Bürger und die Stadtwerke Hamm hatten an der Sedanstraße die Schaltzentrale ihres Energieversorgungsunternehmens, das sogenannte „E-Werk“, errichtet. Nach und nach schlossen diese Einrichtungen zu Beginn der 1990er-Jahre, seither standen die Gebäude leer.

Womit und wie stark die Fläche belastet war,

brachten Untersuchungen des Areals zwischen 1994 und 2009 zu Tage. Flächenhaft und zum Teil tief reichend fanden sich  vor allem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die aromatischen Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol (BTEX) sowie Cyanide – allesamt höchst gefährlich für die menschliche Gesundheit.

Zur Gefahrenabwehr und um die Fläche zu recyceln,

schlossen die Stadt und die Stadtwerke Hamm im Frühjahr 2010 einen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit dem AAV, der nun federführend als Maßnahmenträger agierte und die Sanierung in enger Absprache und Kooperation mit der Kommune und den Versorgungsbetrieben durchführte.

Die größtmögliche Ressourcen-Schonung

stand dabei im Mittelpunkt. So prüfte bereits während des Rückbaus der Gebäude fortwährend ein Gutachter, welche Materialien sich weiterverwerten lassen. Das Ergebnis: Mehr als drei Viertel der insgesamt 21.500 Tonnen Bauschutt ließen sich an Ort und Stelle, weitere 5.000 Tonnen anderweitig verwenden. Lediglich ein kleiner Rest von nur 500 Tonnen war mit Schadstoffen wie Asbest belastet und musste fachgerecht entsorgt werden. Zahlreiche Bauteile –  vor allem Fenster – fanden eine neue Verwendung. Zudem ließen sich ansehnliche Mengen von Wertstoffen gewinnen: 31,5 Tonnen Aluminium, 3,4 Tonnen Kupfer aus Kabeln sowie mehr als eine Tonne Zinkblech aus Dachrinnen, Verblendungen und Fallrohren.

Im Schutz der Anwohner und der Arbeiter

lag die besondere Herausforderung auch bei den folgenden Sanierungsmaßnahmen. Dazu gehörten möglichst geräuscharme Rückbauverfahren, die Vermeidung von Staubentwicklung durch das ständige Befeuchten der Bausubstanz, die permanente messtechnische Überwachung der Sanierungsbereiche sowie die Bindung von Geruchsstoffen durch die Erzeugung eines feinen Sprühnebels. Zudem gruben sich die Bagger jeweils nur stückchenweise in die Tiefe, um großflächige Ausgasungen zu vermeiden. Folienabdeckungen auf den Sanierungsbereichen sowie auf den mit kontaminiertem Boden beladenen Lkw minimierten die Geruchsbildungen zusätzlich.

In bis zu sechs Metern Tiefe fanden sich Teeröle.

Entsprechend groß war die Bodenmenge, die ausgetauscht und entsorgt werden musste: Lediglich die Hälfte der insgesamt 24.000 ausgehobenen Tonnen war unbelastet und konnte später zum Auffüllen verwendet werden.

Diese Menge war weit größer als zuvor geschätzt.

Denn erstens ließ sich im Vorfeld der Arbeiten der Boden nicht überall untersuchen. So war es unmöglich, durch den mächtigen Betonboden des Schwimmbeckens zu bohren. Zweitens waren die historischen Lagepläne, die bei den Vorbereitungen zu Rate gezogen wurden, offenbar unvollständig oder ungenau. Denn es fanden sich im Laufe der Arbeiten auch dort Belastungen, wo laut Plan keine Betriebsanlagen des Gaswerks standen. Insgesamt 12.000 statt der ursprünglich geschätzten 5.000 Tonnen Boden mussten schließlich entsorgt werden.

Lediglich um sieben Wochen

verlängerten sich dadurch die Sanierungsarbeiten, die von Juli 2010 bis Mitte Mai 2011 dauerten. Der Kostenrahmen wurde trotz des erheblichen Mehraufwands nicht gesprengt.

Ein gutes Stück Lebensqualität und Attraktivität

gewann die Stadt Hamm durch die Hilfe des AAV: Auf der reaktivierten Brachfläche entstand das „Museumsviertel“, ein zentraler Baustein des ambitionierten Stadtumbaus Hamm. Bereits vier Monate nach Abschluss der Sanierungsarbeiten war ein Investor gefunden, der bis 2016 sechs Wohnhäuser rund um einen 1000 Quadratmeter großen Garten errichtete. Schon beim Richtfest war ein Großteil der Wohnungen vergeben.