Von der Altlast zur Frischluftschneise

Ehemaliges Werksgelände der Firma Raschig /
neuer Park in Bochum-Werne:

Die knapp 120-jährige Geschichte der Kohledestillation und Teerverarbeitung in Bochum-Werne endete 2006. Das hochbelastete, fast vier Hektar große Gelände sanierte der AAV und schuf zusammen mit der Stadt Bochum und mit finanzieller Beteiligung der Firma Raschig einen Park, der von den Menschen des Stadtteils begeistert angenommen wurde.

Projektübersicht

Kirschbäume und Felsenbirnen blühen

nun in jedem Frühjahr leuchtend weiß, wo noch bis 2006 eher schwarzer Teer das Viertel prägte: Seit 1887 wurde der zähe, klebrige Werkstoff hier aus Kohle destilliert, später auch weiterverarbeitet. Und noch bis 2006 produzierte die Firma Raschig auf dem fast vier Hektar großen Gelände in der Nähe des Bahnhofs Bochum-Langendreer Dachpappe auf Bitumenbasis.

Dass der Boden stark und tiefgründig

mit typischen Teerölrückständen belastet ist, war schon vor den ersten Untersuchungen klar. Verursacht erstens durch die in vergangenen Jahrhunderten übliche Nachlässigkeit im Umgang mit gefährlichen Stoffen. Und zweitens war bekannt, dass 1945 eine Fliegerbombe einen Behälter zerstörte, der zwei Millionen Liter Rohteer fasste. Die dickflüssige Masse überflutete Teile des Geländes und konnte ungehindert in den Boden eindringen.

Nach dem Krieg

baute die Firma Raschig die Anlagen wieder auf, die sie seit 1918 betrieben hatte, und stellte die Produktion erst 2006 endgültig ein. Noch vor der Schließung wurde das Gelände untersucht. Es fanden sich – teilweise in Tiefen von 20 Metern – die erwarteten organischen Schadstoffe wie Mineralölkohlenwasserstoffe, Phenole, PAK und BTEX.

Da sich für eine neue gewerbliche Nutzung

des Geländes kein Interessent fand, beschloss die Stadt Bochum, die Altlast in eine Grünfläche zu verwandeln und meldete das Projekt beim AAV an. Bereits Ende 2008 stand der Sanierungsplan, der neben dem Rückbau der Produktionsanlagen nur einen teilweisen Bodenaustausch vorsah. In erster Linie sollten die Verunreinigungen durch eine Oberflächenabdichtung unschädlich gemacht werden, da ein Auskoffern des Untergrunds auf einer Fläche von knapp vier Hektar und bis in eine Tiefe von 20 Metern wirtschaftlich nicht möglich war.

Das Abdichten einer Fläche zur Gefahrenabwehr

ist vielfach bewährt. Zum einen wird so verhindert, dass Schadstoffe an die Oberfläche gelangen. Zum anderen wird Niederschlagswasser abgeleitet, so dass Verunreinigungen nicht tiefer in den Boden und schließlich ins Grundwasser gelangen können.

Zuerst jedoch galt es, die Fläche zu räumen.

Dafür mussten insgesamt 27 Gebäude zurückgebaut und 40 ober- und unterirdische Tanks geleert, gereinigt und entfernt werden. Alles in allem enthielten sie 1.120 Tonnen Rohteer, Naphthalin, Benzol, Phenol, Diesel und Natronlauge. Die größte Herausforderung stellten die Rohteer-Tanks dar, da sich die enthaltenen Rückstände weder mit Pumpen noch mit Baggern entfernen ließen. Mit größter Vorsicht und bei guter Belüftung wurden die Teer-Reste schließlich in Handarbeit beseitigt. In den Gebäuden fanden sich unter anderem 14 Tonnen Asbest, 205 Tonnen belastetes Altholz und 50 Tonnen Dachpappe. Andererseits wurden auch Wertstoffe gewonnen: 285 Tonnen Metallteile, vor allem Schienen, Türen und unterschiedliche Einbauten.

Wie immer bei AAV-Projekten stand der Schutz der Arbeiter und Anwohner im Mittelpunkt. Messpunkte am Arbeitsplatz und im Umfeld überwachten die Schadstoffkonzentrationen in der Atemluft. Auch die Staubemissionen beim Brechen des Bauschutts und bei der Sprengung des Schornsteins ließen sich durch Luftbefeuchtung in Grenzen halten.

Das nun freie Gelände erhielt ein neues sattelförmiges Profil,

das von einem mit Schotter gefüllten Entwässerungsgraben umgeben ist. Dieser leitet Niederschlagswasser in die städtische Kanalisation ab, denn dem Versickern sind in der neuen Parkanlage in Tiefen von ein bis zweieinhalb Metern Grenzen gesetzt: durch eine „Geosynthetische Tondichtungsbahn“. Über dem wasserundurchlässigen Betonit liegt eine Drainmatte, darüber wurde sauberer Boden aufgetragen. Wie gut dieser Schutz wirkt und wie der natürlich Abbau der Schadstoffe in der Tiefe voranschreitet, zeigt eine Überwachung des Grundwassers.

Zu guter Letzt wurde gesät und gepflanzt.

Auf einer weiten Rasenfläche wachsen allmählich die Kirschbäume in die Höhe, die immer breiteren und buschigeren Felsenbirnen spenden Schatten. In Hecken wechseln sich rund ums Jahr Kartoffelrosen, Schlehen, Pfaffenhütchen und unterschiedliche Hartriegel mit der Blüte ab. Der neu entstandene Park ist bei den Menschen des Viertels beliebt, er verbessert zudem Luftqualität und Klima des Stadtteils. Außerdem trug er indirekt ein wenig zur Finanzierung des Projekts bei: Auf dem sanierten Gelände gibt es Wohnhäuser, deren Wert dank der nun ansprechenderen Umgebung deutlich höher ist. Aus deren Verkauf fließen Mittel an den AAV zurück. Rund zwei Drittel der Gesamtkosten von rund 2,4 Millionen Euro trug übrigens die Firma Raschig. Die finanziellen Möglichkeiten des Unternehmens wurden vorab im Auftrag des AAV unabhängig testiert.